Geschichten

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Die Weisheit des Universums

Vor langer Zeit überlegten die Götter, dass es sehr schlecht wäre, wenn die Menschen die Weisheit des Universums finden würden, bevor sie tatsächlich reif genug dafür wären. Also entschieden die Götter, die Weisheit des Universums so lange an einem Ort zu verstecken, wo die Menschen sie solange nicht finden würden, bis sie reif genug sein würden.

Einer der Götter schlug vor, die Weisheit auf dem höchsten Berg der Erde zu verstecken. Aber schnell erkannten die Götter, dass der Mensch bald alle Berge erklimmen würde und die Weisheit dort nicht sicher genug versteckt wäre.  Ein anderer schlug vor, die Weisheit an der tiefsten Stelle im Meer zu verstecken. Aber auch dort sahen die Götter die Gefahr, dass die Menschen die Weisheit zu früh finden würden.

Dann äußerte der weiseste aller Götter seinen Vorschlag: “Ich weiß, was zu tun ist. Lasst uns die Weisheit des Universums im Menschen selbst verstecken. Er wird dort erst dann danach suchen, wenn er reif genug ist, denn er muss dazu den Weg in sein Inneres gehen.”

Die anderen Götter waren von diesem Vorschlag begeistert und so versteckten sie die Weisheit des Universums im Menschen selbst.

(Verfasser unbekannt)

 

Auf dem Markt

Eine Frau hatte einen Traum. In diesem Traum besuchte sie einen Markt. Dort inmitten all der Stände traf sie an einem von ihnen Gott. “Was verkaufst du hier?” fragte die Frau. Gott antwortete: “Alles, was das Herz begehrt.”

Das konnte die Frau kaum glauben. Sie überlegte eine Weile und beschloss dann, das Beste zu verlangen, was sich ein Mensch nur wünschen konnte. “Ich möchte Frieden für meine Seele und Liebe und Glück. Und weise möchte ich sein und nie mehr Angst haben.” Welche Wünsche fallen Dir ein? – Reichtum? – Berühmt oder erfolgreich sein? – Familie gründen? – Frei sein oder unabhängig? …. 

Gott lächelte. “Ich glaube, du hast mich missverstanden. Ich verkaufe hier keine Früchte, sondern die Samen.” (was musst Du heute sähen, damit du es in ein paar Wochen, oder Jahren ernten kannst?)

Anthony de Mello (leicht geändert)

Kampf der Wölfe

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.
Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: “Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.”
“Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?” fragte der Junge.
“Der Wolf, den ich füttere.” antwortete der Alte.

Quelle unbekannt,
aus dem Englischen übersetzt

Löwenzahn

Ein Mann beschloss, einen Garten anzulegen. Also bereitete er den Boden vor und streute den Samen wunderschöner Blumen aus.

Als die Saat aufging, wuchs auch der Löwenzahn. Da versuchte der Mann mit mancherlei Methoden, des Löwenzahns Herr zu werden. Weil aber nichts half, ging er in die ferne Hauptstadt, um dort den Hofgärtner des Königs zu befragen.

Der weise, alte Gärtner, der schon manchen Park angelegt und allzeit bereitwillig Rat erteilt hatte, gab vielfältig Auskunft, wie der Löwenzahn loszuwerden sei. Aber das hatte der Fragende alles schon selbst probiert.

So saßen die beiden eine Zeitlang schweigend beisammen, bis am Ende der Gärtner den ratlosen Mann schmunzelnd anschaute und sagte: “Wenn denn alles, was ich dir vorgeschlagen habe, nichts genützt hat, dann gibt es nur noch einen Ausweg:

Lerne, den Löwenzahn zu lieben.”

Nacherzählt nach einer Sufigeschichte,
gefunden in: Zeiten der Gelassenheit
leicht geändert http://www.zeitzuleben.de/2785-lowenzahn/

– Kieselsteine –
Eines Tages wurde ein alter Professor gebeten, für eine Gruppe von 15 Geschäftsführern großer nordamerikanischer Unternehmen eine Vorlesung über sinnvolle Zeitplanung zu halten.
Dieser Kurs war einer von fünf Stationen ihres eintägigen Lehrgangs.
Der Professor hatte daher nur eine Stunde Zeit, sein Wissen zu vermitteln. Zuerst betrachtete der Professor in aller Ruhe einen nach dem anderen dieser Elitegruppe: sie waren bereit, alles was er ihnen beibringen wollte, in sich aufzunehmen
Dann sagte er: “Wir werden ein kleines Experiment durchführen.”
Der Professor zog einen riesigen Glaskrug unter seinem Pult hervor und stellte ihn vorsichtig vor sich hin.
Dann holte er etwa ein Dutzend Kieselsteine hervor, etwa so groß wie Tennisbälle, und legte sie sorgfältig, einen nach dem anderen, in den großen Krug.
Als der Krug bis an den Rand voll war und kein weiterer Kieselstein mehr darin Platz hatte, blickte er langsam auf und fragte sein Schüler:
“Ist der Krug voll?”
Und alle antworteten: “Ja.”
Er wartete ein paar Sekunden ab und und fragte seine Schüler:
“Wirklich?”
Dann verschwand er erneut unter dem Tisch und holte einen mit Kies gefüllten Becher hervor. Sorgfältig verteilte er den Kies über die großen Kieselsteine und rührte dann leicht den Topf um. Der Kies verteilte sich zwischen den großen Kieselsteinen bis auf den Boden des Krugs.
Der Professor blickte erneut auf und fragte sein Publikum:
“Ist dieser Krug voll?”
Dieses Mal begannen seine schlauen Schüler, seine Darbietung zu verstehen.
Einer von ihnen antwortete: “Wahrscheinlich nicht!”
“Gut!”, antwortete der Professor.
Er verschwand wieder unter seinem Pult und diesmal holte er einen Eimer Sand hervor. Vorsichtig kippte er den Sand in den Krug.
Der Sand füllte die Räume zwischen den großen Kieselsteinen und dem Kies auf. Wieder fragte er:
“Ist dieses Gefäß voll?”
Dieses Mal antworteten seine schlauen Schüler ohne zu zögern im Chor: “Nein!”
“Gut!”, antwortete der Professor.
Und als hätten seine wunderbaren Schüler nur darauf gewartet, nahm er die Wasserkanne, die unter seinem Pult stand, und füllte den Krug bis an den Rand.
Dann blickte er auf und fragte seine Schüler: “Was können wir Wichtiges aus diesem Experiment lernen?”
Der Kühnste unter seinen Schülern – nicht dumm – dachte an das Thema der Vorlesung und antwortete:
“Daraus lernen wir, dass, selbst wenn wir denken, dass unser Zeitplanschon bis an den Rand voll ist, wir, wenn wir es wirklich wollen, immer noch einen Termin oder andere Dinge, die zu erledigen sind, einschieben können.”
“Nein”, antwortete der Professor, “darum geht es nicht. Was wir wirklich aus diesem Experiment lernen können ist folgendes: wenn man die großen Kieselsteine nicht als erstes in den Krug legt, werden sie später niemals alle hineinpassen.”
Es folgte ein Moment des Schweigens. Jedem wurde bewusst, wie sehr der Professor recht hatte.
Dann fragte er: “Was sind in eurem Leben die großen Kieselsteine?
— Eure Gesundheit?
— Eure Familie?
— Eure Freunde?
— Die Realisierung eurer Träume?
— Das zu tun, was euch Spaß macht?
— Dazuzulernen?
— Eine Sache verteidigen?
— Entspannung?
— Sich Zeit nehmen…?
— Oder etwas ganz anderes, was wirklich wichtig ist?
Egal, WAS euch das Wichtigste ist: man muss die GROSSEN Kieselsteine in seinem Leben an die ERSTE Stelle setzen. Wenn nicht, läuft man Gefahr, es nicht zu meistern: … das Leben!
Wenn man zuallererst auf Kleinigkeiten achtet (der Kies und der Sand), verbringt man sein Leben mit Kleinigkeiten und hat nicht mehr genug Zeit für die wichtigen Dinge in seinem Leben.
Deshalb vergesst nicht, euch selbst die Frage zu stellen:
‘Was sind die großen Kieselsteine in meinem Leben?’ Und dann legt SIE zuerst in euren Krug des Lebens.”
Mit einem freundlichen Gruß verabschiedete sich der alte Professor von seinem Publikum und verließ den Saal.

Jetzt reicht´s!

Nach vielen Jahren eines langes Schlafes wacht Dornröschen eines Tages auf. Doch niemand ist da, um sie zu erlösen.

So schläft sie wieder ein.

Jahre vergehen und Dornröschen wacht wieder auf. Sie schaut nach links und rechts, nach oben und unten, aber wieder ist niemand da – weder ein Prinz noch ein Gärtner, der sie retten will.

Und so schläft sie wieder ein.

Schließlich wacht sie zum dritten Mal auf. Sie öffnet ihre schönen Augen, kann aber abermals niemanden erblicken.

Da sagt sie zu sich selbst: “Jetzt reichts!”, steht auf und sie ist erlöst.

(Nach Norbert Mayer, gefunden in E. Hatzelmann:

Märchen (be)trifft mich
Die Bremer Stadtmusikanten

Die meisten kennen Märchen aus Ihren Kindertagen, dabei sind Märchen ursprünglich für Erwachsene erzählt und später geschrieben worden.
Märchen haben oft auch eine spirituelle Dimension und können uns Lebenshilfe und Wegweiser sein. An Hand des Märchens „Die Bremer Stadtmusikanten“ möchte ich das näher erläutern.
Wir wissen alle, dass Märchen uns etwas im übertragenen Sinne mitteilen. Dass es vier Tiere sind, ist von Bedeutung, da in Märchen und Bildern die Zahlen eine magische Bedeutung haben. So kann der Esel stellvertretend für etwas anderes im vierer Gespann stehen.
4 Elemente, 4 Himmelsrichtungen, 4 Jahreszeiten, … Die Tiere stehen für die 4 Teile in uns.
Dass diese Wesenseigenschaften “alt geworden” sind bedeutet, sie müssen dringend erneuert werden. Dabei ist es gleich, aus welchen Gründen dieses ist. Ob aus Altersgründen oder durch Überarbeitung oder Vernachlässigung. In dem Moment, als der Esel merkt, „es geht nichts mehr“, macht er sich auf den Weg und verlässt sein gewohntes Umfeld. Er steigt aus. So steht der Esel für den Körper selbst.
Als erstes trifft er den Hund, dem es ähnlich ergeht. Der Hund steht für den männlichen Anteil in uns. Dieser kann nicht mehr bellen und jagen. Er hat kein Biss mehr, keine Kraft mehr sich (und andere) zu verteidigen, zu kämpfen. Der Hund steht auch als treuer Begleiter und Freund, aber auch dieses kann er nicht mehr erfüllen. Vielleicht kennt man dieses Gefühl in sich selbst? Wenn man überarbeitet ist und körperliche Kräfte fehlen, dass man dann auch Kontakte meidet und kein guter Freund mehr ist. Der Körper / Esel sagt, komm` es muss sich was ändern, wir machen was ganz anderes.
So begegnen sie der Katze. Sie symbolisiert den weiblichen Anteil in uns. (Auch Männer haben einen weiblichen Anteil, wie Frauen einen männlichen Anteil haben) Die Katze jammert, dass sie nicht mehr in der Lage ist, ihre Krallen auszufahren, Mäuse zu fangen, und träge geworden ist. Auch nicht mehr schmeicheln und lieben kann. Auch sie schließt sich der Veränderung an.
So begegnen sie dem Hahn, stellvertretend für den Geist, der aus Leibeskräften schreit. Es kommt Besuch und er soll in den Kochtopf. Er soll verfüttert werden, – an andere Leute (der Leute wegen) oder noch drastischer; der Masse zum Fraße vorgeworfen werden. Gibt es hier Ähnlichkeiten im wahren Leben eines modernen Menschen? Vielleicht schreit der Geist (Hahn) schon lange, nur hat der Körper (Esel) ihn noch nicht wahrgenommen. Oft bedarf es einer Grenzsituation, um sich des eigenen Dilemmas bewusst zu werden. Die Tiere erfuhren Todesangst, Existenzangst. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“. Somit sind die 4 zusammen und bereit für Veränderungen.
Die erste, nicht ganz gelungene Sammlung der Kräfte, findet im Wald statt. Der Wald ist ein wichtiger Ort im Märchen, Zufluchtsort für eine wichtige Entwicklung, Wald wird mit dem Unterbewusstsein in Verbindung gebracht, Wald lässt zur Ruhe und Besinnung kommen.
In und unter einem Baum sammelten sich die Tiere. Aber dem Esel (Körper) gefiel das nicht “hier ist die Herberge schlecht”. Der erste Versuch, die Kräfte neu zu sammeln, schlug also fehl.
Der Hahn sieht in der Ferne ein Licht. Sich lediglich in sein Innerstes zurückziehen, reicht also nicht. Da muss man schon in ein neues “Haus” ziehen, also grundlegend umdenken, eine neue Sicht der Dinge gewinnen.
Hier begegnen sie Räuber. Räuber als Widersacher – ob innere Widersacher oder äußere. Räuberisches Handeln wird als seelische Reinigung erlebt wo es zu starke gesellschaftliche Festlegungen und Regeln gibt, oder wo alles zu festgefahren ist. Auseinandersetzung mit Räubern bedeutet Auseinandersetzung mit Schattenanteilen. Nach kurzen Überlegungen fassen die Tiere Mut und setzten sich mit den Widersachern (Räubern) auseinander. Zum ersten Mal bilden sie eine Einheit und stellen sich auf. Körper, männlicher Anteil, weiblicher Anteil und Geist werden eins. Es geht um das Ganzwerden, was uns nur gelingen kann, wenn wir den Mut aufbringen, dorthin zu sehen, wo unsere versteckten räuberischen Potentiale liegen. Hinzusehen nimmt die Gefährlichkeit und bietet die Möglichkeit uns bewusst für das andere zu entscheiden.
Eine neue und ungeahnte Energie durchfährt sie, und setzten sich gegen ihre Widersacher durch, finden ihr Glück im neuen Haus. Als ein einzelner Räuber wieder kommt, brauchen sie sich nicht neu aufstellen. Sie haben sich nachhaltig gefunden, dass jeder seine Kraft und seine Rolle lebt um den Räuber als eine Einheit zu verjagen.
Das Märchen ruft dazu auf, von Zeit zu Zeit sein Haus, sein Innerstes, zu prüfen und die eigenen Kräfte neu gegen alles Verderbliche auszurichten, wieder wie bei der Musik in harmonischen Einklang zu bringen.

Karin Nachtigall

 

Heiligenschein

„Herr Doktor, Sie müssen mir helfen“, klagte ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Meine Kopfschmerzen werden täglich schlimmer!“

Der Arzt stellte die üblichen Fragen nach Alkoholgenuss, Zigarettenkonsum und einem unsteten Lebenswandel. Beinahe empört erklärte der Patient, dass er jeden Abend um 21 Uhr zu Bett gehe, sowie niemals Alkohol und Tabakprodukte anrühre. Außerdem würde er sich äußerst gesund ernähren, regelmäßig Sport treiben, die Sonne meiden, jeden Tag zur Kirche gehen …

Alle bisherigen Untersuchungen bestätigten einen kerngesunden Menschen. Selbst nach einer Computertomographie fand sich kein einziges medizinisches Anzeichen, das nur im geringsten die Kopfschmerzen des Mannes erklären konnte.

Daher erkundigte sich der Arzt bei dem Patienten nach den genauen Symptomen des Schmerzes.

„Herr Doktor, es handelt sich um einen gewaltigen, pochenden, drückenden, stechenden, ziehenden, hämmernden Schmerz, der sich rund um meinen Kopf zieht.“

„Warum haben Sie das nicht gleich erwähnt“, fragte der Arzt. „Ihr Problem liegt ganz klar auf der Hand. Ihr Heiligenschein scheint zu stramm zu sitzen. Sie müssen ihn nur ein wenig lockern.“

© Gisela Rieger; aus dem Buch: „111 Herzensweisheiten“

Das perfekte Herz

Eines Tages stand ein junger Mann in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und bewunderte sein Herz. Es war wirklich makellos schön und das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Da trat plötzlich ein alter Mann aus der Menge hervor und sagte: “Nun, dein Herz ist schön, aber nicht annähernd so schön, wie meines. Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, an denen Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Diese aber passten nicht richtig zusammen, und es gab einige ausgefranste Ecken. An manchen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Verwundert starrten ihn die Leute an: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
“Du scherzt“, sagte der junge Mann und zeigte auf das Herz des alten Mannes. “Dein Herz mit meinem zu vergleichen ist vermessen. Meines ist perfekt, und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.”

“Ja”, sagte der alte Mann, “deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit Dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das an die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten.
Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dafür ein anderes zurückzubekommen. Das sind die leeren Furchen. Du kannst nicht erwarten, dass du, wenn du gibst, etwas zurückbekommst. Das Risiko wirst du aber, wenn du gibst, immer eingehen müssen. Auch wenn die Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen, und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diesen Menschen empfinde. Ich habe aber Hoffnung, dass ich eines Tages jene Menschen noch einmal treffen werde, und vielleicht werden sie mir dann ein Stück ihres Herzens geben. Wenn das so sein wird, ist der Platz ausgefüllt. Erkennst du jetzt was wahre Schönheit ist?”

Der junge Mann stand still da, und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten, jungen und schönem Herzen und riss ein Stück heraus und bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an.
Dieser nahm es vorsichtig, fast zärtlich und setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzens. Dieser sah sein Herz an. Es war es nicht mehr makellos, aber doch schöner als je zuvor, und er spürte, wie die Liebe des alten Mannes sein Herz erfüllte. Beide Männer umarmten sich und gingen ihrer Wege, so lange, bis ihre Herzen aufhörten zu schlagen. Ein Herz kann man nicht kaufen, doch wenn man Glück hat, bekommt man es geschenkt!

© Gisela Rieger; aus dem Buch: „111 Herzensweisheiten“

Die drei Siebe

Eines Tages kam ein Bekannter zum griechischen Philosophen Sokrates gelaufen.
“Höre, Sokrates, ich muss dir berichten, wie dein Freund….”
“Halt ein” unterbrach ihn der Philosoph.
“Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?”
“Drei Siebe? Welche?” fragte der andere verwundert.
“Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir berichten willst, geprüft ob es auch wahr ist?”
“Nein, ich hörte es erzählen, und…”
“Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?” Der andere zögerte. “Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil…..”
“Nun”, unterbrach ihn Sokrates. “so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.”
“Notwendig gerade nicht….”
“Also”, lächelte der Weise, “wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit.”

Der entspannte Bogen

Es heißt, dass der alte Apostel Johannes gern mit seinem zahmen Rebhuhn spielte.

Nun kam eines Tages ein Jäger zu ihm. Verwundert sah er, dass ein so angesehener Mann wie Johannes einfach spielte. Konnte der Apostel seine Zeit nicht mit viel Wichtigerem als mit einem Rebhuhn verbringen?

So frage er Johannes: “Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?”

Verwundert blickte Johannes auf. Er konnte gar nicht verstehen, warum er nicht mit dem Rebhuhn spielen sollte.

Und so sprach er: “Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?”

Der Jäger antwortete: “Das darf nicht sein. Ein Bogen verliert seine Spannkraft, wenn er immer gespannt wäre. Er hätte dann, wenn ich einen Pfeil abschießen wollte, keine Kraft mehr. Und so würde ich natürlich das anvisierte Ziel nicht treffen können.”

Johannes sagte daraufhin: “Siehst du, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so müssen wir alle uns immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspannen würde, indem ich z.B. einfach ein wenig mit diesem – scheinbar so nutzlosen – Tier spiele, dann hätte ich bald keine Kraft mehr, all das zu tun, was notwendig ist. Nur so kann ich meine Ziele erreichen und das tun, was wirklich wichtig ist.”